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27. Dezember 2025

Edition von Inglins «Tagebuch 1913-1920»

«Der Zufall ergibt es, dass ich am ersten Tage dieses Jahres die Überzeugung gewinne, die Führung eines Tagebuches sei für mich von grösster Wichtigkeit.» Dies schreibt Meinrad Inglin am 1. Januar 1916 in ein mit schwarzem Wachstuch eingefasstes Büchlein. Das Tagebuch des jungen Inglin 1913-1920 ist zum Jahresende im Chronos Verlag erschienen, herausgegeben und mit einem Nachwort von Daniel Annen.

Der Schriftsteller Meinrad Inglin (1893–1971) durchlief einen schwierigen Bildungsweg. Er besuchte verschiedene Abteilungen des Kollegiums Maria Hilf, der Mittelschule in seinem Heimatort Schwyz, ohne die Ausbildung abzuschliessen, und auch Versuche in praktischen Berufen (Uhrmacher, Kellner) brach er ab. Ohne Matur gelang ihm, was er selber als Meisterstreich betrachtete: die Immatrikulation an der Universität Neuenburg. Von 1913 bis 1920 studierte er dort und an den Universitäten Genf und Bern Literaturgeschichte und Psychologie und beschäftigte sich rege mit weltanschaulichen, religiösen und ästhetischen Fragen.

Inglins Überlegungen finden ihren Niederschlag in seinem Tagebuch und in weiteren schriftlichen Zeugnissen. Mit kritischem Spürsinn stürzt er sich ins intellektuelle Abenteuer und nimmt zu den geistigen Strömungen seiner Zeit Stellung, zu Nietzsche oder zu Freud etwa, aber auch zu Positionen der Tradition, insbesondere zum einseitig moralistischen Denken im katholischen Milieu.
Es ist erstaunlich,wie er, der einst schlechte Mittelschüler, sich in intellektuelle Abenteuer einarbeiten konnte. Das Tagebuch zeigt, dass er sich in dieser Zeit mit verschiedenen Denkformen herumzuschlagen wusste.

Eine starke Bezugsfigur ist Dominikus Abury, Philosophielehrer am Kollegium Schwyz, ein Förderer und Mentor aus frühen Tagen.