Notizen des Jägers. Chlaus Lymbacher (1991)

Neben seinem erzählerischen Werk hat Meinrad Inglin im Lauf der Jahre manches geschrieben und zum Teil veröffentlicht, was er gegen Ende seines Lebens im Hinblick auf einen Nachlassband ordnete. Auf ein informatives Vorwort folgen die thematisch zusammengehörigen Aufsätze Lob der Heimat, Aus dem Jahr des Volkes und Vom Eigenleben des Kantons. Eine nächste Gruppe von vier Texten gibt Einblick in Inglins Schaffensweise, in die Entstehungsgeschichte seiner Romane sowie in seine ihm so wichtigen Umarbeitungen. Das eigentliche Kernstück des Bandes bilden die Notizen, die von Inglin selbst aus Tagebüchern und Aurzeichnungen ausgewählt wurden und ihn von einer ganz neuen Seite zeigen. Seine Bemerkungen zu Büchern und Autoren lassen die Spannweite seiner lierarischen Interssen erkennen und beweisen in Scharfblick und Ausgewogenheit des Urteils eine eminente kritische Begabung. In persönliche Bereiche führen die Dankesworte für empfangene Ehrungen und Texte über einzelne Freunde; zu diesem mehr autobiografischen Teil gehört auch das Fragment Nachts bei den Brüdern Schoeck und die Missglückte Reise durch Deutschland aus dem Kriegsjahr 1940. Der Skizze Schneesturm im Hochsommer, die in der 1973 bei Atlantis erschienenen Erstausgabe den Abschluss bildete, folgt hier nach dem ursprünglichen Plan des Autors eine von ihm selber ausgewählte Gruppe von Jungendgedichten.

Inglins einziges Drama, das Dialektstück Chlaus Lymbacher, das er gerne aufgeführt und veröffentlicht gesehen hätte, das aber erst 1976, fünf Jahre nach seinem Tod, inszeniert und 1981 gedruckt wurde, vervollständigt den abschliessenden Band der Gesamtausgabe, der damit alles enthält, was Inglin für eine allfällige spätere Veröffentlichung vorgesehen hatte.

336 Seiten, Leinen
Januar 1991
SFr. 24.–, 26.– €
sofort lieferbar
978-3-85791-664-9

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Leseprobe

Lob der Heimat

1.

Im Spätherbst, wenn die genießende Fremdenwelt von den Ufersäumen der inneren Länder zurückgeflutet ist, scheint eine Stimmung der Auskehr und Verlassenheit über dem See zu liegen. Die tausend neugierigen Augen der Kurpaläste sind geschlossen. Die Landschaft aber hat nur die Maske abgelegt, die sie einen Sommer lang tragen mußte, und zeigt jetzt ihr wahres Gesicht.

Eine Vielfalt ohnegleichen verlockt hier nicht nur ins Einzelne, sondern führt immer wieder zum Ganzen, zum Geheimnis dieser einmaligen Gestalt. Wie mit Vorbedacht scheint alles aufeinander abgestimmt: der überraschend gewundene und dennoch im schönsten Gleichmaß ruhig und voll durchlaufende Grundzug der Seefläche, die jähen Anstiege von Wald und Fels mit den Unterbrüchen heiterster Ufergelände, die sanft beginnenden, dann kräftig steigenden Täler zwischen den Wandungen immer wieder neu ansetzender Aufschwünge, die gipfelnden Abschlüsse, die weiter gebreiteten Talkessel, die wuchtig gegliederte höchste Gebirgsmasse, schäumende und ruhende Wasser, Alptriften und Wälder, Fels, Wiesen, Schnee, und über allem die Nähe des blau gewölbten, dunkel durchstürmten oder sternenbesäten Himmels.

Im Zusammenklang der Einzelheiten, von denen jede ihren hohen eigenen Reiz besitzt, offenbart sich jenes Zauberhafte, das man als Stimmung, Geist oder Gestalt der Landschaft nur unzulänglich benennt. Es ist ein Ähnliches auf anderer Stufe wie die vom Verstand allein nicht zu begreifende Erscheinung, die als Melodie aus einer Kette von Tönen, als Rhythmus aus einer Reihe von Takten hervorgeht.